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Kyllburg und seine kirchlichen Bauwerke des Mittelalters
herausgegeben von Dr. Franz Bock
VI. Innere Ausstattung und liturgische Gebrauchsgegenstände der Kirche
E. Liturgische Gefässe und Gewänder des Mittelalters
Bis zum Eintritt der Renaissance war es in Stifts- und Kathedralkirchen löblicher Brauch, dass nach Amtsantritt eines neu gewählten Propstes oder Bischofs die Kapitulare stell versammelten und aus ihrer Mitte zwei Kanoniker erwählten, deren Aufgabe es war, das alte Schatzverzeichniss zu revidiren und ein neues Inventar sämmtlicher sakralen Geräthe, Gefässe und liturgischen Ornate der betreffenden Kirche anzufertigen. Daher finden sich heute noch in den Archiven älterer Kirchen eine grosse Zahl von solchen Schatzverzeichnissen, fast ausschliesslich in lateinischer Sprache, vom 11. bis 16. Jahrhundert vor, in welchen in längerer Reihe, nach Rubriken übersichtlich geordnet, verzeichnet stellt, was die einzelnen grössern Kirchen an metallischer und textiler Kirchenzier im Mittelalter besassen. Auch in dem früheren Archiv des Marienstiftes zu Kyllburg hat sich zweifelsohne eine Anzahl solcher „inventaria sacrae suppellectilis“ vorgefunden, aus welchen zu .ersehen war, was die vielbesuchte Stifts- und Wallfahrtskirche auf dem Kyllberge an werthvollen kirchlichen Zieraten ehemals zu besitzen sich rühmte.
Hält man Nachfrage, was nach so vielen Stürmen, Drangsalen und Beraubungen infolge kriegerischer und elementarer Ereignisse die ehemalige Stiftskirche heute noch an mittelalterlichen Kirchenzierden besitzt, so ist darauf hinzuweisen, dass in dem diebes- und feuerfesten thesaurarium, befindlich in der jetzigen grossen Sakristei, von Werthstücken sich nur ein einziger kunstgeschichtlich merkwürdiger Messkelch nebst Patene in vergoldetem Silber erhalten hat, der als alleiniger Repräsentant der in Verlust gerathenen Kunst- und Reliquienschätze unserer Liebfrauenkirche zu betrachten ist und zugleich auch ahnen lässt, was alles an hervorragenden metallischen Kunstwerken ehemals in dem alten vertieften Mauergelass von Haustein geborgen wurde. Dieser Kelch ist in seinem Aufbau einfach in Weise der Kelche aus der letzten Hälfte des 15. Jahrhunderts gestaltet
Ein solches Kreuz tritt auch theilweise hinter der Figur des knieenden Geschenkgebers hervor.
zeigt sich hier ein erhaben aufliegendes Antlitz Christi mit dem gekreuzten Nimbus, eine Darstellung, auf welche als Mittel- und Ausgangspunkt sämmtliche Inschriften und eingravirten figürlichen Darstellungen Bezug nehmen.
In dem Felde unterhalb dieses reliefirten Ecce-homo-Kopfes kniet nämlich der Geschenkgeber, angethan mit dem „superpelliceum“
- Joh’es Wylre canonicus et cantor in Kilberch. Hier beginnt das Spruchband mit der Inschrift, die über der Elisabeth uxor und deren Tochter Elisabeth fortgeführt ist.
- Erstes Feld links vom Donator das Spruchband: Illustra faciem tuam super servum tuum; darunter eine knieende männliche Figur mit der Umschrift: Thilmannus Seynet.
- Erstes Feld rechts im Spruchband die Inschrift: Illumina, Domine, vultnm tuum super nos ; darunter eine knieende weibliche Figur mit den Umschrift: Elisabeth uxor.
- Zweites Feld links, Spruchband: Faciem tuam, Domine, requiram; darunter eine knieende männliche Gestalt: Petrus filius 1476.
- Zweites Feld rechts: Fortsetzung und Schluss des Spruchbandes, das über dem Haupte des Donators beginnt
; darunter eine knieende weibliche Figur und die Worte: Elisabeth filia. - Drittes Feld links, Spruchband: Ne projicias me a facie tua; darunter eine knieende männliche Figur mit der Angabe: Thilmannus filius.
- Drittes Feld rechts, oben das Spruchband: Faciem tuam non avertas a me ; darunter eine knieende männliche Gestalt: Wilhelmus Sartor.
- Viertes Feld rechts, dem des Stifter-Bildes gegenüber: Ostende faciem tuam et salvi erimus
; darunter eine knieende Frauengestalt mit der Bezeichnung : Katherina filia.
Unserer Ansicht nach ist die unter dem reliefirten Christusbilde – vera icon – knieende Figur des Canonicus Johannes Wylre als die des Geschenkgebers des Kelches zu betrachten und die in den sieben Feldern zu beiden Seiten eingravirten Gestalten als nächste Verwandte des Geschenkgebers. Ohne Zweifel ist die auf dem ersten Felde rechts vom Donator dargestellte „Elisabetli uxor“ als Schwester des Geschenkgebers und die auf dem 2. Felde links eingravirte „Elisabeth filia“ als unverheirathete Tochter der beiden Eheleute Thilmann Seynet und Elisabeth, rechts und links vom Geschenkgeber, zu betrachten; alsdann würde Wilhelmus Sartor als Schwiegersohn der beiden ebengedachten „Conjuges“ und als Gatte der „Katherina filia“ aufzufassen sein. Es ist nicht wahrscheinlich, dass der ebengedachte Schwiegersohn Wilhelm seines Zeichens ein Schneider war, zu welcher Annahme etwa die Bezeichnung „sartor“ verleiten könnte. Wie beim Schwiegervater Thilmann der Familienname Seynet hinzugefügt ist, so ist anzunehmen, dass bei dem Taufnamen des Schwiegersohns Wilhelm sein Familienname Sartor hinzugefügt worden ist, ein latinisirter Familienname, wie er sich am Ausgange des Mittelalters, mehr aber noch in der späteren Zeit der Humanisten in Deutschland häufiger vorfindet.
Auf jeden Fall hängt der Name des Geschenkgebers Wylre mit dem Ortsnamen Kilburgweiler, einer Filiale von Kyllburg, zusammen. Auch die Patene, die offenbar zum Kelche gehört, bietet für die geschichtliche Entwickelung des Kelches im 15. Jahrhundert ein besonderes Interesse, da dieselbe im Innern ein vertieftes Schüsselchen in sechsblätteriger Rosenform zeigt und in Mitte desselben die Figur des aus dem Grabe erstehenden Heilandes in getriebener, halberhabener Arbeit. Leider ist die kleine primitive Kelch-Kuppe vor wenigen Jahrzehnten in Wegfallgekommen und durch eine stilwidrige Kuppe mit stark ausgerundeter, unschöner Bauchung ersetzt worden, wie dies auch die fehlerhafte Befestigung und Löthung mit Zinn im Innern deutlich erkennen lässt.
Von metallischen Kirchengeräthen haben sich ausser der äusserst zierlich gestalteten Krone in vergoldetem Silber ans dem Schlüsse des 15. Jahrhunderts, welche heute das alte Votivbild schmückt, nur noch ein Paar stattliche gothische Altarleuchter in Kupfer erhalten, welche wahrscheinlich in Dinant gegossen und mit mehreren Ringknäufen in dem hochansteigenden Schaft verziert sind. Solche schwerwiegende Lichtträger trifft man heute als „Dinanderies“ noch zahlreich, vom Ausgang des Mittelalters herrührend, in rheinischen Kirchen an. Auch zwei Paar spätgothische Leuchter, in Zinn gegossen, finden sich in der Sakristei heute noch vor, die zum Beweise dienen können, dass der Kupfer- und Bronceguss im Mittelalter hoch im Preise stand und dass man es desswegen in weniger begüterten Kirchen vorzog, Lichtträger für Nebenaltäre in dem billigern Material von Zinn herstellen zu lassen. In dein oberen Geschoss des auf Tafel II, Figur 3 abgebildeten Thurmes, der im Jahre 1863 einer in archäologischer Hinsicht nicht glücklichen Wiederherstellung in seiner oberen, schwerfälligen Bedachung unterzogen worden ist, finden sich heute noch drei Glocken vor, die erst gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts aus älterem Glockenmaterial gegossen werden sind. Auf der grossen Glocke befindet sich folgende Inschrift: „In honorem beatissimae virginis Mariae me refundi et benedici curavit Rm Capitulum Kyllburc sub Rmo D. D. Decano Christophoro. Franciscus Heintz von Trier goss mich 1759.“ Auf der zweiten, dem Gewichte nach mittleren Glocke liest man folgende Inschrift: „Johannis honore Sti. Baptistae sum fusa et meritis hujus fulgura pello sonu. Fusore Francisco Heintz Anno 1759“ Die dritte und kleinste Glocke, die dem h. Donatus, dem Patron gegen Blitz und Gewitter, geweiht ist, trägt folgende Inschrift: „Donatum veneror sanctumqne Joannem, ut precibus jugiter fulgura cuncta fugent in Kyllburg. F. M. Heintz me fudit 1749.“ Auf der grösseren Glocke ist in erhabener Arbeit das Bild der „Regina coeli“ ersichtlich; auf der zweiten das der „Mater Dei“; auf der dritten ein „Crucifixus“.
Wenige Worte werden hinreichen, um das zu besprechen, was heute in der kürzlich wieder neu eingerichteten „Gerkammer“ über der Wölbung der grossen Sakristei an mittelalterlichen liturgischen Gewändern sich noch Hervorragendes erhalten hat. Seit dem Mittelalter war es, dem Wortlaut alter Schatzverzeichnisse zufolge, in Stifts- und Kathedralkirchen Brauch, dass die Kapitulare an Festtagen dem feierlichen Gottesdienste in mehr oder weniger reich verzierten Chormänteln – Cappae chorales – beiwohnten, die sie aus eigenen Mitteln bei Gelegenheit ihrer Einführung hatten anfertigen lassen. Nach dem Tode der Stiftsherren gelangten diese Chormäntel und Messgewänder meistens infolge letztwilliger Bestimmung des Besitzers als Geschenke in den Ornatschatz der Kirche.
So erklärt es sich, dass heute noch in dem „gazophylaceum“ älterer Stifts- und Kathedralkirchen eine grosse Zahl von reich gewebten und gestickten liturgischen Ornaten sich vorfinden, die durch Inschriften oder Wappenschilder als Geschenke verstorbener Kanoniker sich kenntlich machen. Solche reich gestickten Messgewander und Chormäntel – pluvialia – mit den dazu gehörigen Pektoralschliessen – fibalae, morsus – haben sich noch in grosser Zahl im Schatze der ehemaligen Stifts- und Krönungskirche römisch-deutscher Könige zu Aachen, ferner in den Schatzkammern der früheren Stiftskirchen zu Tongern und Münstereifel, besonders aber noch sehr zahlreich in den Gerkammern zu Assisi, Padua (al Santo) und in den äusserst reichhaltigen und niemals ausgeraubten Domschätzen zu Sevilla und Toledo erhalten. Ohne allen Zweifel besass bis zum Schluss des vorigen Jahrhunderts auch das gazophylaceum der Stiftskirche U. L. F. zu Kyllburg eine Anzahl solcher werthvoller Ornate aus besseren Tagen, die, gleichwie die gestifteten Glasmalereien der Fenster, den Beweis von dem Kunstsinne und der Gebefreudigkeit früherer Stiftsherren lieferten. Zugleich mit den werthvollen metallischen Geräthen und Gefässen der Stiftskirche sind auch diese kostbaren Ornate in jenen Tagen in Verlust gerathen, als im Anfange dieses Jahrhunderts unter der Herrschaft raub- und plünderungssüchtiger Fremdlinge die Kirchenschätze gleichsam für vogelfrei erachtet wurden. Als einziger Repräsentant vieler in Verlust gerathener Ornate hatte sich noch bis in die sechziger Jahre in der Kyllburger Sakristei eine prachtvolle Kapelle in Genueser Rothsammet mit golddurchwirkten Dessins in der spätmittelalterlichen Musterung des Granatapfels erhalten, deren figuralisch reich gestickte Stäbe – aurifrisiae – von der Zunft der kölnischen Sticker des 15. Jahrhunderts herrührten. Bei einem. Besuche Kyllburgs in den sechsziger Jahren hatten wir diesen Messornat genauer besichtigt und auf den grossen Werth desselben besonders aufmerksam gemacht
Auch eine Anzahl von mittelalterlichen Messgewändern in jener Verkürzung des Umstoffes, wie dieselbe seit den Tagen der Renaissance, gegen den Willen der Kirche, von gewinnsüchtigen Paramentenhändlern beliebt wurde, haben sich in den Gewandschränken der Kyllburger Kirche bis zur Stunde noch erhalten, welche mit Stäben in cyprischen Goldfäden, dem „mysterium auri filati“, verziert sind. Diese charakteristischen aurifrisiae, die man in neuester Zeit als „kölnische Borten“ zu bezeichnen gewohnt ist, wurden seit dem 14. Jahrhundert von der Zunft der kölnischen Wappenwirker und Ornatsticker auf einem kleinen Bandstuhl – au petit mélier – in grosser Zahl für Stifts- und Pfarrkirchen angefertigt. Heute noch sind solche in dem äusserst haltbaren cyprischen Goldgespinst gewebte Stäbe ziemlich zahlreich in rheinischen Kirchen anzutreffen, meistens mit polychromen Heiligenfiguren, Inschriften und spätgothischen Musterungen durchwirkt. Unter diesen älteren liturgischen Ornaten Kyllburgs zeichnet sich heute noch ein Messgewand aus, dessen Stäbe mit verschiedenen Heiligenfiguren aufs reichste bestickt sind. Diese figuralen Stickereien scheinen in einem rheinischen Frauenkloster, im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts, im sogenannten Plattstich angefertigt worden zu sein. Auf einem Umstoff von venetianischem, karmeisinrothem Sammet waren in Goldfäden als retournirende Dessins grössere Doppeladler gestickt. In neuester Zeit hat ein unkundiger Paramentenhändler aus dem Luxemburgischen, jetzt in Köln wohnend, nach der Art solcher Fabrikanten den alten gediegenen Rothsammet in Wegfall treten lassen und dafür einen violetröthlichen Sammet, dessen Farbe und Qualität Vieles zu wünschen übrig lässt, eingesetzt. Auf diesen modernen Lyoner Sammet sind die ausgeschnittenen Adler alsdann übertragen und aufgenäht worden.
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