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Kyllburg und seine kirchlichen Bauwerke des Mittelalters

herausgegeben von Dr. Franz Bock

VI. Innere Ausstattung und liturgische Gebrauchsgegenstände der Kirche

F. Grabsteine und kirchliche Gebrauchsgegenstände aus neuerer Zeit

Gleichsam als Beigabe zu der Beschreibung der kirchlichen Bauwerke des Mittelalters des ehemaligen Liebfrauenstiftes zu Kyllburg, soll in Folgendem nur kurz, der Vollständigkeit wegen, angegeben werden, was aus neuerer und neuester Zeit sich noch Beachtenswerthes in der alten Stiftskirche vorfindet. Abgesellen von den historisch und artistisch merkwürdigen figuralen Leichensteinen des Mittelalters, die ehemals theilweise den Fussboden der Kirche bedeckten und die heute sehr unzweckmässig und störend seit mehreren Jahrzehnten an der südlichen Kirchenwand aufgestellt worden sind, befinden sich noch mehrere reliefirte Epitaphien der Renaissance unter den Sitz- und Kniebänken zu beiden Seiten des Langschiffes, die bei der nächsten stilgemässen innern Wiederherstellung der Kirche einen vor ferneren Beschädigungen geschützten Ehrenplatz in den drei noch leeren Flügeln des Kreuzganges einzunehmen berechtigt sind. Vor allen Epitaphien der Renaissance, die sich theilweise in dem südlichen Flügel der Umgänge aufgestellt finden, theilweise noch unter den Kirchbänken der Besichtigung sich entzogen haben, verdient eine besondere Berücksichtigung jener grosse Leichenstein mit seinen figürlichen und heraldischen Ornamenten, der heute an der rechten Seite des Chores – in cornu Evangelii – aufgestellt ist. Dieses schöne Epitaph, 2 Meter hoch und 1 Meter breit, veranschaulicht halb erhaben in knieender Stellung eine geharnischte Ritterfigur mit ernst ausgeprägten Zügen. Die vertieft eingemeisselte Inschrift zu Häupten des Knieenden in lateinischen Grossbuchstaben lautet: „Anno 1540 den 17. Septembris ist verstorben der edel und erenveste Johann von Schönenburgh, Herr zu Hartelstein und Ulm (Uelmen ?), dem Gott gnädig und barmherzig sein wyl in Ewigkeit. Amen.“ In dem ziemlich breiten Abschlussrand erstellt mau die heraldischen Abzeichen der Ahnen des Verstorbenen väterlicher- und mütterlicherseits, nämlich die Wappen der adligen Geschlechter von Schöneburgh, von der Leyen, Dürkem, Wietberg, Nickenich, Burscheit, Waltpoct und Kruft. Der Grabstein befand sich, soweit man sich heute erinnert, immer (?) an dieser Stelle; eine frühere Nachgrabung jedoch hat ergeben, dass der Verstorbene nicht an dieser Stätte im Chore beigesetzt worden ist.

Unmittelbar neben dem Epitaph des Ritters Johann von Schönenburgh zum Altare hin, ragt an der glatten Wandfläche ein anderes Monument hervor, das, ähnlich wie bei den Fenstern, von einem Kanoniker der Liebfrauenkirche gestiftet worden ist. Dasselbe stellt eine Gruppe in hocherhabener Arbeit von Kyllburger Sandstein dar, deren Mitte das Bild der schmerzhaften Mutter Gottes einnimmt. Zur Rechten dieses Votivbildes kniet die Figur des Geschenkgebers, eines Stiftsherrn der Liebfrauenkirche, zur Linken erhebt sich das Bild der hl. Magdalena. Ueber dem mit dem faltenreichen Chorhemd – dem rochette – bekleideten Geschenkgeber, erblickt man den Namenspatron desselben, den hl. Hugo, auf der anderen Seite, diesem gegenüber, den hl. Johannes Baptist. Die Spitze dieser Gruppe krönt ein kleineres Bildwerk der Gottesmutter mit dem Jesuskinde. Auf dem Bogen über der Pietà liest man die Worte: Monstra te esse Matrem. Unter dem knieenden Donator steht der Spruch: Miserere mei Deus, miserere mei, quoniam in te confidit anima mea. Unmittelbar unter der Pietà die Worte: Plorans ploravit in nocte et lacrimae in maxillis ejus. Unter der Figur der hl. Magdalena lauten die Worte: Dimissa sunt ei peccata multa, quoniam dilexit multum. Unterhalb der Gruppe, welche die stattliche Höhe von 2,70 Meter bei einer Breite von 1,30 Meter hat, befindet sich folgende Widmungsinschrift: In honorem sanctissimae virginis Mariae matrisque Domini nostri Jesu Christi honorabilis Dñs. Hugo Schmidburg Kilburg, Canonicus hujus Ecciesiae, me fieri curavit 12. Decembris 1630. Dieses Votivbild, wahrscheinlich von Kyllburger Steinmetzen ziemlich derb und naturalistisch gearbeitet, lässt bereits den Niedergang und die Ausartung der deutschen Renaissance deutlich erkennen, wenn man damit jenen edlen Formenreichthum vergleicht, der sich an dem steinernen Altaraufbau aus der Mitte des 16. Jahrhunderts kenntlich macht, welcher sich heute, gewiss nicht an ursprünglicher Stelle, unzweckmässig in der Mitte des Langschiffes der Kirche, rechts vom Hochaltar aus, befindet.

Am Ausgange des Mittelalters, mehr aber noch in den Tagen der Renaissance und des späteren Baroquestils, scheint in Kyllburg, in Folge des trefflichen Materials von verschiedenfarbigem Sandstein, das sich massenhaft an den Bergabhängen des Kyllthals lagert, eine blühende Zunft von Steinmetzen bestanden zu haben,
Eine grosse Zahl von alten Steinmetzzeichen, in den verschiedensten Formen und Bildungen, trifft man heute noch überall in und ausserhalb der Kirche und der Kreuzgänge an.

die für kirchliche und profane Zwecke das schöne heimathliche Material künstlerisch verarbeitet haben. Ausser den zahlreichen Epitaphien, steinernen Altären und figuralen Bildwerken, wie solche im Vorhergehenden besprochen worden sind, hat sich noch in der ehemaligen Stiftskirche als altgeschichtliches Ueberbleibsel der Kyllburger Steinmetzkunst ein kleineres Vesperbild der Pietà erhalten, das sich heute an wenig passender Stelle auf einem improvisirten Altar der Kreuzgänge befindet. In noch ziemlich edler Auffassung und Drappirung gehalten, dürfte dasselbe der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zuzuschreiben sein, wohingegen das sitzende Bildwerk der „Nahrung Christi“ auf dem Altar im südlichen Langschiff, links vom Hochaltar aus, in seinem naturalistischen, fast rohen Formengepräge den Niedergang der Renaissance deutlich erkennen lässt. Sowohl das spätgothische Sakramentshäuschen, das von einem Stiftsherrn Petrus in dem ersten Viertel des 16. Jahrhunderts gestiftet worden ist, als auch die zur Seite befindliche figurenreiche Gruppe, eine Votivgabe des Stiftsherrn Hugo, ist vor 15 Jahren durch einen des Malens unkundigen Dekorateur mit dicker Farbe unschön überkleistert worden, dessgleichen die beiden sitzenden Bildwerke, die im Vorhergehenden erwähnt worden sind. Auch der Kirchenmaler, der um dieselbe Zeit den schönen Chortheil mit den beiden Nebenchörchen in missverstandener gothisirender Manier vielfarbig zu dekorieren vermeinte, hat den Beweis geliefert, dass er weder die alten, dauerhaften Farbpigmente kannte noch auch eine Auswahl von frühgothischen, stilvollen Mustern zur Ausmalung der Chorhalle zu treffen wusste. So sind auch die Sitz- und Kniebänke der Kirche, mit Einschluss der Thürflügel am West- und Nordportal, als verfrühte Leistungen zu betrachten, die, wenn sie erst heute angefertigt werden sollten, eine ganz andere gothische Form und Gestalt, übereinstimmend mit den alten, mustergültigen Chorstühlen, annehmen würden.

Erst gegen Schluss des 17. Jahrhunderts scheint die jetzige Orgelbühne in Kyllburger Sandstein auf einem gespannten Bogen über dem Westportal errichtet worden zu sein. Offenbar ist die jetzige Orgel mit ihrem kolossalen Gehäuse im Rococostil für eine andere Kirche angefertigt und in unsere Liebfrauenkirche später übertragen worden. Dieselbe verdeckt in ihrer jetzigen provisorischen Aufstellung theilweise das grosse Spitzbogenfenster der Westfassade, das auf Tafel XII, Fig. 13 abgebildet ist. Wenn in nächster Zeit das jetzige schadhafte Instrument der Orgel wieder hergestellt werden wird, dann ist dafür Sorge zu tragen, dass dasselbe in zwei Teile zerlegt wird und je eine Hälfte der Orgelpfeifen an den beiden oberen Langseiten des Schiffes auf der Orgelbühne eine solche Aufstellung findet, dass das grosse Fenster des Westportals als wesentlicher Theil der Architektur wieder offen und freigelegt wird. Alsdann wird auch bei der nächsten Wiedererneuerung des Innern der Kirche nach den strengeren Stilgesetzen des 14. Jahrhunderts der durchaus moderne und unkirchliche Ballsaal-Leuchter endlich in Wegfall kommen, der, nach französischer Manier aus geschliffenen Gläsern und polirtem Kupfer zusammengesetzt, seit den siebenziger Jahren das Innere der schönen Hallenkirche auffallend verunziert.

Ein Anfang zur polychromen Bemalung des Innern der alten Stiftskirche, die im Langschiff öde und kahle Wandflächen zeigt, ist dadurch bereits angebahnt, dass im Sommer 1894 der ausgedehnte Fussbodenbelag des Chores und der beiden Nebenchörchen durch einen hochsinnigen Geschenkgeber mit vielfarbigen Thonplättchen aufs reichste ausgestattet worden ist. Die geometrisch geordneten Musterungen dieses trefflichen Fussbodenbelags, hergestellt in der bekannten Ehranger Thon- und Mosaikplatten-Fabrik, stimmen, was Farbendekor betrifft, mit der Farbenharmonie der gemalten Chorfenster überein und dienen zum Belege, welche Höhe der technischen und artistischen Entwickelung die grosse Ehranger Fabrik von farbigen Thon- und Mosaikplatten in neuester Zeit erreicht hat.

Der im Jahre 1894 für innere Wiederherstellung der Kyllburger Stiftskirche gegründete Liebfrauen-Verein hat bereits im ersten Jahre seines Bestehens die Mittel beschafft zur baulichen inneren Wiederherstellung der arg beschädigten Kapelle, der jetzigen grossen Sakristei (vgl. die Abbildung auf Tafel VII, Fig. 8), desgleichen auch für den Aufstieg zu der oberen Gewandkammer und die innere Wiederherstellung dieser Gerkammer über der Wölbung der grossen Sakristei. In demselben Jahr ist auch mit den gesammelten Beiträgen des thätigen Vereins die stilvolle Bemalung und Fassung des alten Gnadenbildes und die feierliche Uebertragung auf die alte Ehrenstelle, den Hochaltar, durchgeführt, worden, desgleichen die Polychromirung der grossen Marienstatue an den westlichen Haupteingängen. Nach solchen Erfolgen im ersten Jahre der Gründung des Liebfrauen-Vereins steht es mit Sicherheit zu erwarten, dass es der thätigen und umsichtigen Leitung des Vereins-Vorstandes in ausdauerndem Zusammenwirken mit der opferwilligen Pfarrgemeinde Kyllburgs schon in nächsten Jahren gelingen wird, die Mittel zu gewinnen, um das so erfolgreich begonnene Werk der inneren Wiederherstellung und Ausmalung, den strengeren Anforderungen der Kunst entsprechend, glücklich fortzuführen und zu vollenden.

 

Quod Deus bene vertat.

 

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