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Kyllburg und seine kirchlichen Bauwerke des Mittelalters
herausgegeben von Dr. Franz Bock
VI. Innere Ausstattung und liturgische Gebrauchsgegenstände der Kirche
D. Die Glasmalereien der drei Chorfenster
Im Mittelalter reichten, wie es scheint, die Einnahmen des Marienstiftes nicht aus, um die Chor- und Schifffenster mit den damals üblichen figuralen Glasmosaiken ausstatten zu lassen. Erst beim Beginn der neuen „wälschen“ Kunstweise, der sogenannten Renaissance, haben kunstsinnige Stiftsherren von Kyllburg opferwillig die Mittel gespendet, damit von einem wahrscheinlich Trierer Glasmaler die drei Hauptfenster des Chorschlusses mit vortrefflichen, teppichartigen Glasmalereien verziert werden konnten. Zwei dieser Glaswirkereien sind in verkleinertem Maassstabe auf Tafel XIII, Figur 14 abgebildet.
Lit. A.Lit. B.
Taf. XIII. Fig. 14
Glasmalereien der Chorfenster von 1535
In dem mittleren dieser zweitheiligen Chorfenster, unmittelbar über dem Hochaltar, ist, wie die Abbildung Lit. A zeigt, die Kreuzigung des Herrn mit der Passionsgruppe, Johannes und Maria, bildlich veranschaulicht. Ueber dieser Leidensgruppe erblickt man in dem grossen Vierpass der Fensterbekrönung die Darstellung der hh. Dreifaltigkeit. In der untersten Hälfte ist das Bild des knieenden Donators ersichtlich, wie derselbe U. L. F. seine Gabe unter dem Beistande des h. Apostels Matthias darbringt. Die Widmungsinschrift lautet in lateinischen Buchstaben mit Hinweglassung der vielen Abkürzungen, wie folgt: D. Bernardus Kilburg, Decanus ruralis et hujus Ecciesiae Dominae virginis Mariae in Kilburg, 1533. Zu Deutsch: Herr Bernard Kilburg, Landdechant und Dechant dieser Kirche der Herrin und Jungfrau Maria in Kilburg, 1533. Kyllburg war seit alter Zeit Sitz und Hauptort eines Landdechanten, dem 27 Pfarreien unterstellt waren.Vgl. Marx, I, 1, Seite 228 Da die Pfarrei Kyllburg dem Stifte inkorporirt war, so trat zuweilen der Fall ein, dass der Dechant des Stiftes auch zugleich Dechant des Landkapitels war. In den Urkunden wird ein Bernardus I de Kilburch als Stiftsdechant von 1477–1481 bezeichnet und von 1526–1533 ein Bernardus II. Dieser zweite Bernard, vielleicht ein Verwandter des Ersten, scheint also der Stifter der vorhin bezeichneten Fenstermalerei gewesen zu sein.
Vgl. Eiflia sacra von Schorn III, Seite 719
In dem ersten Chorfenster, nach der Evangelienseite hin, erblickt man in der Mitte als Hauptdarstellung (vgl. Lit. B unserer Abbildung auf Tafel XIII) die Geburt des Herrn in einem figurenreich komponirten Glasmosaik; in der grossen Vierpassrose der oberen Fensterbekrönung ist der Beginn des Erlösungswerkes, die Verkündigung, bildlich dargestellt. In der untersten Abtheilung kniet der Stifter des gemalten Fensters vor dem Bilde eines h. Bischofs
In dem dritten Fenster, an der Epistelseite, das in seinen Glasmalereien in den Abbildungen auf Taf. XIII nicht verschaulicht ist, ersieht man als Hauptdarstellung in der Mitte die Grablegung des Herrn, wie diese figurenreiche Scene auf mittelalterlichen Bildern immer wieder anzutreffen ist. In der grossen Vierpassrose der oberen Fensterbekrönung ist die Auferstehung des Heilandes bildlich wiedergegeben, wohingegen in dem untersten Theil, unmittelbar über der Brüstungsmauer des Fensters, rechts vom Beschauer, das Bild des h. Laurentius in mittelalterlicher Diakonentracht mit seinem Marterwerkzeug, dem Eisenrost, dargestellt ist, während links die Figur des h. Rochus vielfarbig wiedergegeben ist. In dem Sockel unterhalb dieser beiden Bildwerke in Glasmosaik liest man die moderne Inschrift: D. Bernardus dedit 1834
Jedenfalls ein starker Verstoss des Glasmalers statt der Jahreszahl 1534. Diese Jahreszahl 1534 ist noch erhalten in der Spitze des Fensters über der Vierpassrose.
hanc fencstram, quam Theodor et Gertrud Polch conjuges Kyllburgenses reparaverunt anno Jubilaei 1875 Pio IX Papa et Eberhard Episcopo. Diese Glasmalerei scheint von einer wenig kundigen Hand in ungünstiger Zeit eine nicht glückliche Restauration erfahren zu haben. Ob und welche Widmung sich ursprünglich an Stelle der neuen, in einem schülerhaften Latein verfassten Inschrift befunden habe, ist heute nicht mehr nachweisbar. Auch bleibt es zweifelhaft, ob die alte Inschrift die Worte „D. Bernardus dedit 1834“ in dieser Wortfolge wirklich enthalten habe.
Durch die Ungunst der Zeiten und den Einfluss der Witterung waren diese drei Chorfenster in ihren figuralen und ornamentalen Theilen, namentlich seit dem Anfang dieses Jahrhunderts, vielfach beschädigt und an einzelnen Stellen zerstört worden. Nachdem bereits im Jahre 1875, der vorhin citirten Inschrift zufolge, eine verfrühte Wiederherstellung in unwissenschaftlicher Weise an dem am meisten beschädigten dritten Fenster stattgefunden hatte, gelang es erst im Jahre 1887 dem jetzigen Pfarrer von Kyllburg, die Mittel zu gewinnen, um durch die bewährte Firma Binsfeld & Jansen in Trier eine solche ängstlich getreue Wiederherstellung der fehlenden Theile der beiden anderen unter A und B auf Taf. XIII abgebildeten Fenstermalereien vornehmen zu lassen, dass auch ein geübtes Auge die ergänzten Theile kaum von den älteren zu unterscheiden im Stande sein dürfte.
Für die Feststellung der chronologischen Entwickelung der Glasmalerei in den Rheinlanden ist es von Werth, dass in den trefflichen Kyllburger Glasmosaiken die Jahreszahlen und die Namen der Stifter sich ziemlich unverletzt erhalten haben. Nur fehlen leider Name und Wohnort des bescheidenen Künstlers, von dem die Komposition und technische Ausführung dieser ausgezeichneten Glasmalereien herrühren, welche in der Auffassung, Haltung der Figuren und dem Faltenwurf der Gewänder noch das leise Ausklingen des Mittelalters, in der äusserst zierlichen Architektur jedoch schon den vollen Eintritt der neuen italienisch-französischen Stilformen erkennen lassen. Fragt man, wo in Trierer Landen sich heute noch formverwandte Gegenstücke zu den berühmten Kyllburger Glaswirkereien befinden, so ist hinzuweisen auf den mittleren Theil des Chorfensters in der ehemaligen Abteikirche St. Matthias zu Trier, welches einer Inschrift zufolge vom Jahre 1518 herrührt, also kaum zwei Jahrzehnte älter ist als die drei Kyllburger Glasmalereien. Die grosse Darstellung Christus am Kreuz in St. Matthias ist noch durchaus mittelalterlich gehalten, ohne Anklänge an die schon länger in Italien und Frankreich zum Durchbruch gekommene Renaissance. Betrachtet man aufmerksamer Entwurf und Farbstimmung der Kyllburger Fenstermosaiken, deren Entwurf nicht nach Dürer’schen Vorbildern, wie die obenerwähnten zu St. Matthias, gehalten ist, vergleicht man dieselben mit der langen Reihe der herrlichen Glasmalereien in der Kirche zu Gouda in Holland und denen in der St. Gudula-Kirche zu Brüssel und der Kathedrale zu Antwerpen, so könnte man fast zu der Annahme hinneigen, dass der Kyllburger Glasmaler aus der blühenden Schule der flandrischen Glasmaler hervorgegangen sei, die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ihre grossartigen Triumphe feierte. Dem modernen Glasmaler, der die Glasgemälde in den beiden kleinen Fenstern der Nebenchörchen im Jahre 1875 angefertigt hat, ist es nicht gelungen, seine neuen Schöpfungen mit den schönen alten Vorbildern im Hochchor, weder was stilvolle Composition, noch was harmonische Wiedergabe der Farben betrifft, in Einklang zu setzen. Hoffentlich wird es den Wiederherstellern der beiden alten Chorfenster, den Herren Binsfeld & Jansen, ein Leichtes sein, die beiden heute noch mit monotonem, weissem Küchenglas versehenen Chorfenster mit farbigen Glasmosaiken so auszustatten, dass dieselben mit den drei alten dort befindlichen Glaswirkereien harmonisch übereinstimmen. Wo aber finden sich heute Geschenkgeber, die dem anregenden Vorgange der alten Kyllburger Donatoren zur Herstellung der fehlenden Glasmalereien Folge leisten werden?
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