Das Triumphkreuz und die Chorstühle << Innere Ausstattung und liturgische Gebrauchsgegenstände der Kirche >> Der neue Nebenaltar und der Taufstein

Kyllburg und seine kirchlichen Bauwerke des Mittelalters

herausgegeben von Dr. Franz Bock

VI. Innere Ausstattung und liturgische Gebrauchsgegenstände der Kirche

B. Der Choraltar in den verschiedenen Jahrhunderten

Ein bei weitem grösseres Interesse beansprucht die Beantwortung der Frage: wie war der ursprüngliche Hochaltar in der alten Stiftskirche beschaffen, und sind heute noch einzelne Ueberreste desselben vorhanden?

Nach unserem unmassgeblichen Dafürhalten dürfte der jetzige Hochaltar in den Formen der modernen Gothik als der vierte Altaraufbau zu betrachten sein, der im Laufe von fast 500 Jahren in dem niedrig gewölbten Chor der Liebfrauenkirche zu Kyllburg errichtet worden ist. Wie der ursprüngliche Altartisch in Stein – mensa – und der obere Aufbau desselben – retabulum – ehemals beschaffen gewesen ist, darüber lassen stell heute, bei dem Fehlen aller geschichtlichen Nachrichten, nur allgemeine Vermutungen aufstellen. Wahrscheinlich hatte der Altartisch eine formverwandte Einrichtung und Beschaffenheit, wie die um hundert Jahre ältere Altarmensa der nahe gelegenen Cisterzienserinnen-Abteikirche St. Thomas. Dieser hochinteressante Altartisch zeigt heute noch die entwickelten Formen des spätromanischen Stils und zeichnet sich aus durch Zwergsäulchen auf beiden Langseiten der Mensa, welche die Bestimmung haben, den grossen Monolith, die Altarplatte, zu stützen und zu tragen, Bei dem Reichthum der umliegenden Berge an bildsamem Material liegt die Vermuthung nahe, dass auch der Hauptaltar der Kyllburger Stiftskirche ganz aus Stein errichtet wurde, vielleicht in ähnlicher Anordnung, wie eine solche an dem eben bezeichneten Vorbilde zu St. Thomas wahrnehmbar ist. Und in der That fanden sich hinter dem jetzigen Altartisch bei der kürzlich erfolgten Anlage des neuen Fussbodenbelags drei stark vorspringende, flache Steine, welche eine Länge von 0,36 Meter bei einer Breite von 0,26 Meter aufweisen. Diese heute noch aus dem Fussboden ein wenig hervorragenden Sockel dienten anscheinend als Basis zur Aufstellung von Zwergsäulchen auf der hinteren Seite des Altartisches. Wie die vordere Seite – frontale – des Altars beschaffen war, entzieht sich heute unserer Kenntniss. Bei Errichtung des jetzigen gothisirenden Altaraufsatzes im Jahre 1877 scheint auffallender Weise der alte primitive Altartisch keine Berücksichtigung mehr gefunden zu haben; obschon Kyllburg einen vortrefflichen, äusserst dauerhaften weissen Sandstein mit einem Stich in’s Grünliche an Ort und Stelle besitzt, liess man aus Belgien mit Reliefs verzierte französische Savonnière-Steine kommen und bekleidete mit diesen Steinplatten die vordere Langseite und die beiden Kopf- oder Schmalseiten des neuen Hochaltars. Es ist uns nicht bekannt, ob man aus Pietät den alten Unterbau der Altarmensa – truncus, stipes – aus der Erbauungszeit der Kirche mit dem „loculus“ zur Aufnahme der Reliquien unberührt gelassen hat und die neuen, wenig haltbaren Altarplatten
Wie wenig haltbar dieser französische Savonnière-Stein ist, geht auch schon daraus hervor, dass derselbe heute schon, sogar im Innern der Kirche, sich zu schälen und abzublättern beginnt.

unmittelbar vor dem ursprünglichen Altartische aufstellte und befestigte, oder ob man sofort tabula rasa machte, den primitiven Altartisch mit sammt dem alten sepulchrum niederlegte und mit den aus Belgien bezogenen Steinplatten einen ganz neuen Altarunterbau errichtete. im Pfarrarchiv sucht man vergeblich nach schriftlichen Angaben, die über den Abbruch der alten Altarmensa und die etwa ertheilte bischöfliche Erlaubniss hierzu Bericht erstatten; auch sind keinerlei Angaben daselbst vorfindlich, ob und welche Reliquien in dem sepulchrum der alten Altarmensa sich versiegelt vorgefunden haben.

Es ist dieser gänzliche Mangel an geschichtlichen Aufzeichnungen in dem Pfarrarchiv bei dem wahrscheinlichen Abbruch des ursprünglichen Altartisches um so mehr zu bedauern, da zweifelsohne in einer quadratischen Aushöhlung unter der grossen Altarplatte oder unmittelbar vertieft in derselben, wie bei den meisten Hochaltären des frühen Mittelalters, ein kleiner versiegelter Behälter in Metall oder Glas sich vorgefunden hat, der Reliquien verschiedener Heiligen, zugleich mit einer Pergamenturkunde enthielt, welche die nähere Bezeichnung derselben und zugleich auch den Namen des bischöflichen Consecrators nebst der Jahreszahl authentisch feststellte, wann die Consecration des Altars sowie auch die Einweihung der Kirche vorgenommen worden war. Ebensowenig finden sich schriftliche Angaben vor, welche berichten, wie der ältere Altaraufsatz – retabulum – beschaffen und verziert war, der in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts nicht für die Stiftskirche in Kyllburg, sondern wahrscheinlich für eine in der Nähe befindliche Cisterzienser-Abteikirche hergestellt worden ist, wie sich dies auch aus den Heiligenstatuen ergiebt, mit welchen dieser in Wegfall gekommene Altar ausgestattet war. Augenzeugen, die beim Abbruch dieses Hochaltars zugegen waren, berichten über Form und Ausdehnung desselben Folgendes:

„Der ehemalige Hochaltar nahm die ganze Breite des Chores ein. Zwei mit Bildwerken geschnitzte Thüren vermittelten den Zutritt zu der Kehrseite des Altars. Der Aufbau desselben war ganz in Eichenholz ausgeführt und so hoch gehalten, dass er das mittlere Fenster des Chores und die Glasmalereien desselben fast ganz verdeckte. Die Spitze desselben bestand aus einem aus Holz geschnitzten Blumenkorb. Ein Kyllburger Bildhauer hat eine getreue Copie dieser obern Ausmündung des Altares in Stein angefertigt, welche sich jetzt über einem Fenster am Postgebäude befindet. In der Mitte des Altars ersah man das alte Gnadenbild Kyllburgs in Stein, das später auf einen Nebenaltar versetzt, wurde. Ferner war der frühere Altar mit, Engelfiguren verziert und mit den grösseren Statuen des hl. Benediktus, Bernardus, Antonius von Padua und Johannes von Nepomuk. Nur diese Figuren zeichneten sich durch Bemalung aus; das übrige Schnitzwerk des Altaraufsatzes hatte man in der Farbe des Eichenholzes belassen. Die Deckplatte des Altartisches hatte eine auffallend grosse Ausdehnung; dieselbe war ungefähr 8 Fuss (2,58 m) lang, 4 Fuss (1,29 m) breit und beinahe 1 Fuss (0,32) dick. in der Mitte dieser Deckplatte befand sich oben eine Oeffnung, ungefähr 1 Fuss (0,32) im Quadrat gross und 5 Zoll (0,13 m) tief. Ob in dieser Vertiefung ein Reliquienbehalter sich befunden habe, konnte nicht mehr in Erfahrung gebracht werden. Die auffallend grosse Deckplatte des Altartisches bestand aus einem rothen Kyllburger Sandstein. Dieselbe ist leider zerschlagen und zu Deckplatten für den Kreuzgang verarbeitet worden. Die Skulpturen des Altars mit Ausnahme der Heiligenfiguren sind hierhin und dorthin gerathen; das Genauere hierüber weiss keiner anzugeben. Die beiden Thüren befinden sieh heute noch bei einem Althändler in Trier.“ Soweit unser Berichterstatter über Form und Beschaffenheit des Altares.

Da es nach dem zuletzt Gesagten feststellt, dass der im Jahre 1877 entfernte Altaraufsatz in seinen über Gebühr die Höhe anstrebenden Formen der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts angehört habe, so entstellt die Frage, wie der primitive Altar bei Einweihung der Stiftskirche gegen Ausgang des 13. Jahrhunderts beschaffen gewesen sein möge. Dass dieser erste Altar in seinem konstruktiven und ornamentalen Aufbau über dem Altartisch – retabulum, retrofrontale – der architektonischen Zierde nicht entbehrt habe, lässt sich mit Sicherheit entnehmen aus der formellen Beschaffenheit und reichen Entwickelung zweier kirchlichen Gebrauchsgegenstände, in Stein gemeisselt, die sich glücklicher Weise vor den gewaltsamen Zerstörungen und Zertrümmerungen vergangener Zeiten heute noch in ursprünglicher Gestalt, wenn auch von moderner Polychromie überkleistert, ziemlich unverletzt erhalten haben. Es sind dies die Piscine und die Sedilien, beide an der Epistelseite des Hochchores befindlich. Wenige Worte werden genügen, um Form und Gebrauchnahme dieser beiden heute nur seltener noch anderswo vorkommenden kirchlichen Utensilien nachzuweisen, zumal die auf Tafel XI, Figur 12 veranschaulichten Abbildungen in Autotypie ein klares Bild dieser beiden reich entwickelten Architekturen vor Augen führen. Figur A giebt in verkleinertem Maassstabe bildlich wieder eine zierliche Doppelpiscine, nämlich eine 0,47 Meter vertiefte Nische, welche von zwei auf schlanken Säulchen ruhenden Spitzbogen in zwei gleiche Hälften getheilt wird. Diese gedoppelten Spitzbogen werden von einem Vierpass überragt. Ein stark profilirter grosser Bogen schliesst das Sprossenwerk der Wandnische ab, der seinerseits von einem Ziergiebel in Form eines von Krabben verzierten „Wimpergs“ überragt und abgeschlossen wird. Diese zierlich gestaltete Doppelpiscine, die heute nicht mehr einem liturgischen Gebrauche dient, benutzte man im Mittelalter einestheils für die Handwaschung beim Offertorium und anderntheils für die zweite „ablutio calicis“ nach der Kommunion des Priesters. Es war. nämlich in der einen Hälfte der vertieften Nische ein kupferner Wasserbehälter – aquamanile – schwebend aufgehängt und befestigt. Diese alten Handwaschgefässe zeigen die verschiedenartigsten phantastischen Thierformen. Der Hohlguss dieser Wasserbehälter, die vom 12. bis zum Schluss des 14. Jahrhunderts häufig vorkommen, hatte nämlich die Gestalt von Löwen, Pferden, Greifen, Vögeln; auch männliche und weibliche Brustbilder, hohlgegossen, kommen um diese Zeit als Wassergefässe in den Piscinen der Kirche häufiger zur Anwendung. Das aquamanile der Kyllburger Stiftskirche scheint schon frühzeitig abhanden gekommen zu sein. An der Piscine der Sakristei der ehemaligen Stiftskirche zu Oberwesel sahen wir noch vor wenigen Jahren ein solches aquamanile in Form eines grotesken männlichen Brustbildes. Die zweite Hälfte der Kyllburger Piscine hatte ehemals den Zweck, in eine runde, beckenartige Vertiefung mit Abflusskanal die zweite Kelchspülung nach der Kommunion des Priesters, die heute von demselben, gleich der ersten, consumirt wird, aufzunehmen und in den Boden der Kirche zu leiten. Unmittelbar neben der Piscine in der folgenden Wandfläche des Chores sind die Sedilien, die Sitzplätze für den Celebrans und die beiden Diakonen zum Gebrauch bei feierlichen Hochämtern, in Form einer dreitheiligen tiefen Wandnische angebracht. Vgl. Abbildung unter Lit. B, Tafel XI, Figur 12. Auf einer Sitzbank von Stein in der mittleren Spitzbogennische nahm während des Absingens von „Gloria“ und „Credo“ der Celebrans Platz, während der Diakon in der Nische rechts „ad sedes“ schritt und links der Subdiakon.
In der ehemaligen Stifts- und heutigen Pfarrkirche von Kempen am Niederrhein befinden sich heute ebenfalls im Chor reiche in Eichenholz geschnitzte Sedilien; der Sitz für den Celebran in der Mitte ragt über die beiden andern hervor, während der Diakon rechts einen etwas niedrigern Sitz einnimmt, noch niedriger dagegen ist die Sitzbank für den Subdiakon.

A. Die Piscine.|B. Die Sedilien.

Taf. XI. Fig. 12
A. Die Piscine.
B. Die Sedilien.

Ueber den steinernen Sitzbänken, die im Mittelalter mit reich gestickten Kissen – pulvinaria, culcitra – belegt waren, wölben sich in der 0,53 Meter tiefen Mauernische 2 Meter hohe Spitzbogen, die ihrerseits wieder, wie die Abbildung auf Tafel XI, Figur 12 unter Lit. B zeigt, von drei horizontal liegenden Vierpassrosen überragt werden. Man dürfte in der Annahme nicht fehl gehen, dass ursprünglich das zierliche Stabwerk der Kyllburger Sedilien, dessgleichen auch die Tiefgründe der drei grossen Vierpassrosen mit polychromen Malereien verziert waren. Wenn nun diese beiden doch mehr untergeordneten Architekturen des Chores aus der Erbauungszeit der Stiftskirche Unserer Lieben Frau solche für den Schluss des 13. Jahrhunderts äusserst zierlich gestaltete Detailformen zur Schau tragen, wie muss dann erst der architektonisch reich konstruirte Aufbau des Altars beschaffen gewesen sein, in dessen Mitte das damals schon hoch verehrte Gnadenbild thronte, das auf dem Titelblatt Tafel I, Figur 1 bildlich wiedergegeben ist! Da die um mehr als 100 Jahre jüngere, lebensgrosse Statue der Mutter Gottes, welche an dem Zwischenpfeiler der 3,20 Meter hohen Eingangsthüre an der Nordseite des Langschiffes eine hervorragende Stelle gefunden hat, von einem reich konstruirten Baldachin in Stein überragt ist, so dürfte gewiss auch die Annahme gestattet sein, dass die auf dem Titelblatt abgebildete 1,50 Meter hohe polychrome Statue in Stein von einem reichgegliederten, wahrscheinlich auf freistellenden Säulchen ruhenden Baldachin überragt war, der die Spitze und Bekrönung des ursprünglichen Hochaltars in Stein bildete. Um ein genaueres Bild zu gewinnen, wie der primitive Hochaltar der Kyllburger Liebfrauenkirche in seinen dekorativen Einzelheiten beschaffen gewesen sein dürfte, empfiehlt es sich, in dem bahnbrechenden Werk von Viollet-le-Duc
Vgl. Viollet-le-Duc, Dictionaire raisonné de L’Architecture française du XI-XVI siècle vol. II, pag. 29-39.
Umschau nach Form und Einrichtung jener Altäre aus der letzten Hälfte des 13. Jahrhunderts zu halten, die, meistens aus Stein konstruirt, reich illuminirt und vergoldet waren. Zum Glück hat sich die hervorragendste Hauptzierde des primitiven Hochaltars, das Votivbild Unserer Lieben Frau von Kyllburg, ziemlich unverletzt erhalten. (Vgl. Titelblatt, Taf. I, Figur 1.) Was Haltung, Ausdruck der Gesichtszüge und edlen Faltenwurf der Gewandung dieses altehrwürdigen Bildwerkes betrifft, so ist darauf hinzuweisen, dass es gleichsam als Typus jener vielen Marien-Statuen aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts zu betrachten ist, die sich heute noch ziemlich zahlreich in den Kirchen des Rheines und der Trierer Lande erhalten haben. Es war dies die Blüthezeit der niederdeutschen figuralen Skulptur, in welcher auch die nordfranzösischen Innungen der „ymagiers“, insbesondere die von Abbeville und Paris, die formverwandten Elfenbeinschnitzereien der heute noch zahlreich vorfindlichen Klappaltärchen – diptycha und triptycha – für den Welthandel herzustellen begannen.

Hält man Umschau, wo heute noch aus dieser Glanzperiode der niederdeutschen Bildschnitzerei, namentlich in der Diöcese Trier, sich formverwandte Marienstatuen vorfinden, so ist zunächst auf die fast gleichzeitige Statue hinzuweisen, die heute an sehr unpassender Stelle über einem modernen Thoreingang zu der ehemaligen Cisterzienserinnen Abtei St. Thomas bei Kyllburg sich befindet, auf die formschöne Statue in demselben Stilgepräge in der ehemaligen Stifts- und jetzigen Pfarrkirche zu Münstermaifeld,
Vgl. die Abbildung dieser grossartigen Statue in unserem Werke „Rheinlands Baudenkmale des Mittelalters“. III. Band, Fig. VII, Seite 15.

ferner auf das merkwürdige, sitzende Bildwerk der Madonna auf einem Altar in der Schloss- und Pfarrkirche zu Malberg bei Kyllburg und endlich auf jene Statue an der Ecke des Regierungsgebäudes am Markt zu Trier, Eingangs zu der Sternstrasse.

Noch sei hier hinzugefügt, dass das aus einem feinkörnigen Sandstein gemeisselte Votivbild Kyllburgs, das am 8. Juli 1894 durch den hochwürdigsten Bischof von Trier Dr. Korum aus einer Nebenkapelle feierlich wieder auf den Hochaltar übertragen wurde, anscheinend am Schluss des 15. Jahrhunderts mit einer äusserst zierlich gearbeiteten und mit reichem Steinschmuck verzierten Krone in stark vergoldetem Silber geschmückt worden ist, die zweifelsohne von einem sehr geschickten Trierer Goldschmied herrührt. Dieselbe ist heute einer gründlichen Restauration von befähigter Meisterhand dringend bedürftig. Aeltere Leute Kyllburgs erinnern sich noch, dass auch das Jesuskind mit einem gleichen Diadem bekrönt war. Diese kleinere Krone, desgleichen auch das Scepter in der Rechten des Votivbildes, scheinen schon vor mehreren Jahren, vielleicht aus Unkenntniss, wenn nicht aus Eigennutz, in Verlust gerathen zu sein. Es dürfte ein Leichtes sein, in Kyllburg einen kunstsinnigen Geschenkgeber zu finden, der die Mittel bewilligte, damit das fehlende zierliche Krönchen und das Scepter in ursprünglicher kunstvoller Gestaltung von Meisterhand wieder angefertigt werde. Hinsichtlich der Fassung und Bemalung des auf dem Titelblatt abgebildeten Votivbildes sei noch bemerkt, dass im Laufe von fast 500 Jahren das Bildwerk zu vier verschiedenen Malen übermalt worden ist. Die anscheinend letzte, unschöne und stilwidrige Fassung wurde noch in den siebenziger Jahren von unkundiger Hand vorgenommen. Bevor bischöflicherseits, wie vorhin bemerkt, die Inauguration und Uebertragung des althistorischen Votivbildes von wenig geeigneter Stelle auf den dazu besonders hergerichteten Hauptaltar stattfand, nahm man darauf Bedacht, von der stilkundigen Hand des Dekorationsmalers W. Schumacher aus Aachen eine neue künstlerische Fassung nach den Farbgesetzen und Verzierungen des 14. Jahrhunderts vornehmen zu lassen. Zu diesem Zwecke wurden vorher durch ätzende Mittel die verdeckenden Farbanstriche der früheren Zeiten sorgfältig entfernt; es ergab sich alsdann die unmittelbar auf dem feinkörnigen Sandstein sitzende ursprüngliche Bemalung des 14. Jahrhunderts in einem äusserst harten Farbenmaterial. Dieses stellenweise Vorfinden der ursprünglichen, wenn auch äusserst beschädigten Polychromie hatte als leitende Vorlage für die neue Fassung auch noch den Vortheil, dass in dem äussern breiten Goldsaume des Obergewandes sich einzelne Bruchstücke von lateinischen Grossbuchstaben vorfanden, deren Sinn und Zusammenhang sich allerdings leider nicht mehr feststellen liess. Aus diesen zerstreut noch vorfindlichen Buchstabenresten und dem verstümmelten Worte „frater“ könnte man vielleicht die Vermuthung herleiten, dass diese wenigen Grossbuchstaben Reste einer Widmungsinschrift bildeten, welche etwa Namen und Stand jenes Laienmeisters enthalten habe, von dem, wenn nicht das skulptirte Bildwerk selbst, dann doch die kunstreiche Fassung und Bemalung herrührte, die in einzelnen farbigen Ueberresten jetzt wieder klar zu Tage trat.

Noch auf eine Besonderheit unseres auch in den Steinformen wenig beschädigten Bildwerkes, das im Volksmunde heute noch den Namen die „Stauden-Muttergottes“ führt, sei hier im Vorbeigehen hingewiesen. Bei Fortnahme der Verdeckenden Farbauflagen trat in der Hand des mit einer langen Tunika bekleideten Jesusknaben die Gestalt eines kleinen Vogels zum Vorschein, der mit spitzem Schnabel übermüthig in den Zeigefinger des göttlichen „bambino“ zu beissen sich erkühnte. Wir glauben nicht annehmen zu sollen, dass dem Vorfinden des Vogels in der Linken des Jesusknaben eine symbolische Bedeutung beizumessen sei, zumal anderwärts auch in der Hand desselben ein Buch, ein Apfel, eine Birne, eine Blume, oder auch eine Weltkugel, ein Scepter sich vorfindet; wir neigen vielmehr der Annahme zu, dass in der Darstellung des Vogels ein Spiel der naiven Phantasie des mittelalterlichen Bildschnitzers zu erkennen sei. Vielleicht werden sich bei einigem Nachforschen von demselben „ymagier“, der dies gefeierte Wallfahrtsbild in Kyllburg angefertigt hat, noch andere ähnliche Skulpturen in den Trierischen Landen vorfinden, die ebenfalls durch die Marke des kleinen Vogels gekennzeichnet sein dürften.

Nordportal, ehemals mit einer offenen Vorhalle überbaut

Taf. XII. Fig. 13
Nordportal, ehemals mit einer offenen Vorhalle überbaut

Bevor im Folgenden die Frage besprochen werden soll, wann der erste frühgothische Altar in Wegfall gekommen und vielleicht durch einen spätgothischen Flügelalter mit figuralen Schnitzereien ersetzt worden sein dürfte, sei es gestattet, im Anschluss an das eben beschriebene Votivbild Unserer Lieben Frau von Kyllburg auf eine zweite, 1,63 Meter grosse Muttergottes-Statue hinzuweisen, die nach aussen hin an dem mittleren Pfosten der beiden nördlichen Eingangsthüren seit dem Mittelalter eine solche hervorragende Aufstellung gefunden hat, dass sie die obere Fläche des Kyllberges theilweise beherrscht. Während die traditionelle „höfische“ Haltung und Bewegung des als Titelbild veranschaulichten Votivbildes, auch hinsichtlich des gradlinigen Faltenwurfs des Untergewandes, noch Anklänge an die formverwandten Skulpturen der romanischen Kunstepoche verräth, lässt die Auffassung, der naturalistich derbe Gesichtsausdruck, desgleichen der Faltenwurf der Gewänder des lebensgrossen Standbildes an der nördlichen Doppelthüre den vollen Durchbruch der gothischen Stilformen gegen Schluss des 14. Jahrhunderts deutlich erkennen. (Vgl. Tafel XII, Figur 13.) Wenn wir die mehr künstlerisch entwickelte Konception und Ausführung des fast um 100 Jahre älteren Titelbildes einem Meister der Trierer Bildschnitzer-Innung zuzuschreiben geneigt sind, so würden wir kein Bedenken tragen, diese 1,63 Meter grosse Madonnen-Skulptur an den nördlichen Eingängen einem schlichten Kyllburger Meister zuzusprechen, der aus 4 grossen, zusammengesetzten Rothsandstein-Quadern diese Marienstatue an Ort und Stelle mitsammt Sockel und Baldachin ausgearbeitet hat, als eben zu Schluss des 14. Jahrhunderts der Ausbau des Langschiffes der Kyllburger Stiftskirche erfolgte. Nach der Angabe älterer Kyllburger Bürger war über dem eben beschriebenen Standbilde am Thürpfosten eine Bedachung in Holz, einem kapellenförmigen Vorbau ähnlich, konstruirt, durch welche einestheils die ursprünglich bemalte Marienstatue vor den Unbilden der Witterung hinlänglich geschützt und anderntheils Einheimischen und fremden Pilgern ein trockener Vorplatz gesichert wurde, wenn bei ihrem Eintreffen auf dem Berge die Wallfahrtskirche nicht geöffnet war.

Zum Beweise, dass hier, wie die Ueberlieferung berichtet, eine schutzgewährende Vorhalle in Holz errichtet war, sei hier auf verschiedene Maueröffnungen hingewiesen, die unter ändern namentlich zu beiden Seiten des gradlinigen Thürsturzes auf unserer Abbildung, auf Tafel XII, Figur 13 sich als hellweisse Stellen deutlich zu erkennen geben. Uebereinstimmend mit der quadratisch vorspringenden Schräge als Einfassung und Umrahmung unseres Nordportals (vgl. Tafel XII) nach Aussen ist auch an derselben Stelle im Innern der Kirche ein solches profilirtes Sims als Einfassung ersichtlich, dessen Zweck hier nicht deutlich zu erkennen ist. Es liegt die Vermuthung nahe, dass auf dem vorspringenden, abgeschrägten Sims nach Aussen, das Figur 13 erkennen lässt, die oberen Balkenlagen der Vorhalle ruhten, wie dies die dort befindlichen Mauerlöcher anzudeuten scheinen. Auf der grossen Mauerfläche – Tympanon – unmittelbar über dem gradlinigen Thürsturz der beiden Eingänge, die von einem 3 Meter hohen Spitzbogen mit kräftigen Profilen eingefasst und abgeschlossen wird, wölben sich zwei kleinere Spitzbogen mit stark ausladendem Nasenwerk. Diese beiden letzteren Bogen sind durch eine Kreisrundung gegenseitig in Verbindung gesetzt, welche mit einer Dreipassform ausgefüllt wird. In dieser Dreipassrose tritt als Relief die Figur des Agnus Dei deutlich zum Vorschein (vgl. die Abbildung dieses Tympanons auf Tafel XII, Figur 13), das die Siegesfahne als Symbol der Auferstehung trägt. In dem engen Zwickel, gebildet durch die zusammenstossenden Schenkel der beiden Spitzbogen und durch die kreisförmig umschlossene Dreipassrose, ersieht man als kleines Relief Christus am Kreuz und in den zur Seite befindlichen Zwickeln der gothischen Spitznasen die plastischen, kreisförmigen Typen von Sonne und Mond. Auf den beiden grossen Wandflächen unterhalb der grossen Spitzbogen, die sich über den beiden Thüreingängen wölben, sind heute noch ziemlich deutlich die Spuren von farbigen Darstellungen der Passionsgruppe Johannes und Maria zu erkennen. Diese polychromen Ueberreste lassen mit Sicherheit die nicht gewagte Folgerung ziehen, dass nicht nur die grosse Statue der Muttergottes mit Einschluss des reich konstruirten Baldachins über derselben, sondern auch die ganze Wandfläche unter der Vorhalle ursprünglich, wie es das Mittelalter liebte, bemalt war.

Eine wenig kundige Hand hatte vor einigen Jahren das grosse Standbild an dem Thürpfosten zwischen den beiden Eingangsthüren mit unhaltbaren Farben zu fassen versucht, die in letzter Zeit zerronnen und durchaus verbleicht waren. Als nun im Sommer 1894 das alte, auf unserm Titelblatte abgebildete Votivbild Unserer Lieben Frau, behufs der feierlichen Uebertragung auf den Hochaltar, von Künstlerhand nach mittelalterlichen Farbgesetzen aufs neue gefasst und illuminirt worden war, machte sich allgemein der Wunsch geltend, dass auch die lebensgrosse Statue der Himmelskönigin an der nördlichen Doppelthüre vielfarbig wieder gefasst und erneuert werde. Dem Dekorationsmaler Schumacher, dem auch diese nicht leichte Aufgabe übertragen wurde, war es wohl bewusst, dass das nach mittelalterlichen Farb- und Verzierungsgesetzen wiederhergestellte Standbild in reichem Farbschmuck auf dem eintönigen und farblosen Hintergrund des jetzigen Portals ganz bedeutend abstechen und einen fühlbaren Kontrast bieten würde. In der Voraussetzung jedoch, dass bei der nächsten Wiederherstellung des Aeussern der Kirche und der Wiedererrichtung der ehemaligen schützenden Vorhalle, mit Einschluss der erneuerten dekorativen Bemalung der hinteren Wandflächen, der jetzige Kontrast sich sofort heben würde, nahm der Künstler keinen Anstand, das grosse Standbild so zu fassen und vielfarbig auszustatten, wie es nach Errichtung desselben von Meisterhand polychromirt worden war. Noch ein anderer Grund bestimmte den gedachten stilkundigen Meister, das Portalbild in ursprünglicher Farbenfrische genau so wiederherzustellen, wie es gegen Schluss des 14. Jahrhunderts bemalt worden war. Auf der Höhe des Kyllberges ist nämlich das an der Nordseite der Kirche errichtete Bildwerk den Stürmen der Witterung fast zu allen Jahreszeiten schutzlos ausgesetzt. Unter dem steten Einfluss und dem Wechsel der Witterung wird schon nach wenigen Jahren der von Einigen bemängelte Farbenglanz so gedämpft und gemildert werden, dass alsdann die gewünschte Abtönung und Harmonie der Farben sich von selbst ergeben wird.

Noch erübrigt es, hier auf die auf Seite 17 gestellte Frage zurückzukommen, wann der in Stein errichtete primitive Altar in Wegfall gekommen sei, der mit dem auf dem Titelblatt abgebildeten Votivbilde nach Weise der formverwandten Altäre des 13. Jahrhunderts bekrönt war, und wie der neu errichtete zweite Altaraufbau beschatten gewesen sein dürfte. Als Antwort auf die zuletzt gestellte Frage diene Folgendes. Mit dem Beginn des 16. Jahrhunderts scheinen im Chor der Stiftskirche zu Kyllburg nicht unbedeutende Neuerungen vorgenommen worden zu sein. Vorerst wurde in der Wandfläche an der Evangelienseite des Chores den auf Seite 18 besprochenen Sedilien gegenüber ein spätgothisches Sakramentshäuschen errichtet, dessen wenig gegliederte architektonische Formen bereits deutlich den Niedergang der altdeutschen Spitzbogenkunst bekunden. Ferner wurden im Jahre 1535 die Abschlussfenster des Chores mit drei vortrefflichen figuralen Glasmalereien geschmückt, die noch näher besprochen werden sollen. Unsere nicht gewagte Vermuthung geht nun dahin, dass entweder am Schluss des 15. oder im Anfang des 16. Jahrhunderts, in Folge der Errichtung des Sakramentshäuschens, auch ein neuer Hochaltar, vielleicht als Stiftung eines der damaligen Kanoniker, errichtet worden sei. Dieser zweite Altaraufbau – retable, retrofrontale – über dem ursprünglichen, unverändert belassenen Altartisch dürfte etwa in den damals allgemein üblichen Formen der verschliessbaren Flügel- und Skulpturaltäre errichtet worden sein, wie solche am Niederrhein und in Süddeutschland, desgleichen auch in der Eifel noch zahlreich, aus dem Schluss des 15. Jahrhunderts stammend, sich vorfinden. Jedenfalls nahm auf diesem, der Zeitfolge nach zweiten Hochaltar das Votivbild Unserer Lieben Frau über den Leuchterbänken die mittlere Hauptstelle ein und neben dieser Statue, Standbilder oder Gruppen verschiedener Heiligen. Die Möglichkeit bleibt indessen nicht ausgeschlossen, dass dieser zweite Altaraufsatz vielleicht erst nach Fertigstellung der Fenstermalereien, selbst in den Stilformen der beginnenden Renaissance errichtet worden ist. Diese letzte Vermuthung gründet sich nämlich auf das Vorfinden eines Renaissance-Altares, der unzweckmässig im Schiff der Kirche, in der Nähe der Rococo-Kanzel, da provisorisch aufgestellt worden ist, wo er den jetzt vermauerten alten Eingang von dem Kreuzgange zum Chor theilweise verdeckt. Bei einer näheren Untersuchung dieses in einem feinkörnigen Steine skulptirten Altars ergab sich nämlich die auffallende Thatsache, dass die hintere Seite dieses Altaraufbaues mit verschiedenen kleinen Heiligenfiguren bemalt ist, die, wenn auch stark beschädigt, in den Stilformen und dem Charakter ans dein Beginn des 14. Jahrhunderts gemalt sind.

Wie nun, wenn in diesem seither wenig beachteten Altarbau der Kern und die Grundform des primitiven Hochaltars der Kyllburger Stiftskirche zu suchen und nur der äussere Aufbau im 16. Jahrhundert in den Formen des neu aufgekommenen wälschen Stils umgeändert worden wäre? Immerhin sind als archäologische Fragezeichen diese bemalten frühgothischen Heiligenfiguren zu betrachten, die darauf hinzudeuten scheinen, dass entweder in dem einen Falle die jetzige Kehrseite ehemals die vordere Seite des Hochaltars war, oder dass im anderen Falle diese kleinen Heiligenfiguren zur Verzierung der hinteren Fronte des Hochaltars ursprünglich gemalt worden sind, da man ja solche Verzierungen der Rückwand von Altären im Mittelalter häufiger antrifft, zumal wenn, wie dies im Kyllburger Chor der Fall ist, der Raum hinter dem primitiven Altar ziemlich umfangreich war und derselbe früher für liturgische Zwecke benutzt worden sein dürfte. Es ist zu bedauern, dass das alte Archiv des Marienstiftes bei Aufhebung desselben, zu Anfang dieses Jahrhunderts, in Verlust gerathen ist;
Ob vielleicht noch Bruchstücke desselben im Provinzial-Archiv zu Düsseldorf oder zu Coblenz sich vorfinden?

man würde sonst archivalische Angaben finden, die besagten, wann der in Frage stellende zweite Altar der Kirche neu errichtet oder der ältere Altar so umgestaltet worden sei, wie man solche Veränderung und Umgestaltung im Charakter der Renaissance an der vorderen Seite des heutigen Nebenaltars deutlich wahrnimmt. Diesem präsumtiven zweiten Aufbau des Hochaltars dürfte in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts der im Jahre 1877 in Wegfall gekommene Hochaltar in überschwenglichen Rococoformen gefolgt sein, der, wie ans der Beschreibung desselben auf Seite 17 hervorgeht, nicht für den niedrigen Chorbau der Kyllburger Kirche, sondern wahrscheinlich für die im Anfang des 18. Jahrhunderts umgebaute Cisterzienser-Abteikirche Himmerode oder für die Kirche gleichen Ordens zu St. Thomas angefertigt worden ist. Zur Begründung dieser Annahme sei hingewiesen auf das Vorfinden von Figuren der beiden Ordensstifter, des h. Benedictus und des h. Bernardus, die in einer derben, fast schreckhaften Naturalistik ehemals, wie auch anderswo, über den Thüreingängen zu beiden Seiten des letztgedachten Hochaltars errichtet waren und die heute, wahrlich nicht zur Zierde der schönen Kirche, als misslungene Ueberbleibsel der Zopfzeit auf Holzpostamenten am Boden zu beiden Seiten des Chores gewiss die längste Zeit hier auf Posten gestanden haben.

Was nun den heutigen Hochaltar vom Jahre 1877 betrifft, der in der Reihenfolge als vierter zu betrachten sein dürfte, so ist derselbe im architektonischen Aufbau und der dekorativen Fassung nicht als gelungen und gar nicht mit den edlen Architekturformen des monumentalen Bauwerkes übereinstimmend zu bezeichnen. Nachdem die konstruktiven Gesetze der Gothik fast 300 Jahre hindurch in Vergessenheit und ausser Uebung gerathen waren, hatte die Zeit der siebenziger Jahre noch nicht die Meister zur Ausbildung und Reife gelangen lassen, die es schon damals verstanden hätten, mit den gegebenen Bauformen des Mittelalters auch die entsprechenden kirchlichen Mobilargegenstände in Holz stilistisch in Einklang zu setzen. In dieser Zeit der häufig missverstandenen Gothik wurde, wie vielfach auch heute noch, der Entwurf von Altären, Kanzeln, Beichtstühlen einem Architekten übertragen, der in der Regel seine liebgewonnenen, zuweilen stereotypen Formen und Bildungen des Steins, oft noch ohne Kenntniss der liturgischen Vorschriften, unvermittelt auf das bildsamere, im Mittelalter eigenartig behandelte Material des Holzes übertrug. In dieser Sturm- und Drangperiode der eben zu neuem Schaffen wieder erwachten Gothik wurde einem damals noch jüngeren, aber talentvollen Bildhauer aus einer benachbarten Gemeinde Kyllburgs die Aufgabe übertragen, einen neuen Altar für die alte Stiftskirche Unserer Lieben Frau zu entwerfen und auszuführen. Fürwahr, eine nicht leichte Aufgabe, noch dazu für einen angehenden Bildhauer, welche zu der angegebenen Zeit ein schon geschulter Fachmann und Architekt nach frühgothischen Principien zu lösen kaum in der Lage gewesen wäre. Nachdem heute der bescheidene Bildhauer der siebenziger Jahre Matthias Zens als gereifter Meister die Höhe der Kunst erstiegen und in Gent eine blühende Werkstätte für mittelalterliche kirchliche Skulpturen ins Leben gerufen hat, dürfte derselbe jetzt gewiss der Erste sein, der über seine Jugend-Leistung zu Kyllburg den Stab zu brechen keinen Anstand nehmen wird. Zu dieser Annahme wurden wir verleitet, als wir kürzlich Gelegenheit hatten, in dem freundlichen Oberkail, nicht fern von Kyllburg, einen vortrefflichen Altarbau im frühgothischen Stil näher in Augenschein zu nehmen, der in letzten Jahren von demselben belgischen Künstler ausgeführt worden ist, der in dem früh von ihm erbauten Kyllburger Altar seine Meisterschaft zu erproben noch nicht in der Lage war.

Neben den beiden in jüngster Zeit in Trier neu errichteten, stilstrengen Altarbauten in der Liebfrauenkirche (St. Laurentius), entworfen und ausgeführt von dem Kölner Altmeister Wilh. Mengelberg in Utrecht in den vollendeten Formen der Frühgothik, und dem vortrefflichen spätgothischen Flügel- und Skulpturaltar der Pfarrkirche von St. Antonius ebendaselbst, hervorgegangen aus der Meisterwerkstätte Caspar Weis, eines Trierer Bildhauers und Malers, heute in Frankfurt wohnhaft, kann der neue Hochaltar in Oberkail, ausgeführt von dem oftgedachten Genfer Meister im Spitzbogenstil des 14. Jahrhunderts, mit Bezug auf seine reichen, holzgemässen Architekturformen und gelungenen plastischen Bildwerke, als ein durchaus vollendetes Meisterwerk der wieder zu neuem Leben erwachten Gothik bezeichnet werden. Hier sei noch im Vorbeigehen bemerkt, wie sehr es zu wünschen wäre, wenn in einer nicht zu fernen Zeit mit dem schönen von dem Genfer Meister kürzlich neu errichteten Hochaltar zu Oberkail auch die dortige kleine und unansehnliche Pfarrkirche, ein ärmliches Kirchlein des vorigen Jahrhunderts mit einem Scheingewölbe in flacher Spannung, durch einen würdigen Neubau ersetzt würde, der mit dem durch die Beiträge der opferwilligen Gemeinde errichteten Hauptaltar auch stilistisch in Einklang stände.

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