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Kyllburg und seine kirchlichen Bauwerke des Mittelalters
herausgegeben von Dr. Franz Bock
VI. Innere Ausstattung und liturgische Gebrauchsgegenstände der Kirche
A. Das Triumphkreuz und die Chorstühle
Nachdem im Vorhergehenden die Architektur der Kyllburger Stiftskirche und ihre mittelalterlichen Anbauten in allgemeinen Zügen besprochen und durch Abbildungen veranschaulicht worden sind, erübrigt es noch, im Folgenden auf die innere Einrichtung und Ausstattung der Kirche hinzuweisen, insofern diese Mobilar- und liturgischen Gebrauchsgegenstände aus der Erbauungszeit des Chors und des Langschiffes herrühren.
Bereits unter der Herrschaft des Rococo und der Allongeperücke hat die Kyllburger Stiftskirche bei der seichten französisirenden Geschmacksrichtung jener Zeiten manche hervorragende Zierden des Mittelalters eingebüsst. Grösser jedoch waren die unersetzlichen Verluste, die unsere Marienkirche in Folge der französischen Staatsumwälzung bei Aufhebung des Stiftes erlitten hat. Als nun in der säkularisirten Stiftskirche, die inzwischen zur Pfarrkirche erhoben worden war, der Gottesdienst weder eingerichtet wurde, bot dieselbe ein klägliches Bild der Verödung dar, deren Spuren, was die innere dekorative Einrichtung betrifft, heute noch nicht, verwischt sind. Um nun die verletzende Leere der hochgewölbten Hallenkirche einigermassen auszufüllen, suchte man aus säkularisirten Stifts- und Abteikirchen der Nachbarschaft einzelne Mobilar- und Kultgegenstände zu erwerben, die meistens der geist- und formlosen Rococoperiode angehörten und mit den vornehmen Bauformen der alten Kyllburger Stiftskirche in grellstem Kontraste, standen. So ist es denn gekommen, dass bis auf den heutigen Tag verschiedene Heiligenfiguren von fast erschreckender Grösse, und Naturalistik in den Formen des unkirchlichen Zopfstils die Kyllburger Kirche und die dortigen Kreuzgänge verunstalten, die, wie verlautet, aus der benachbarten ehemaligen Cisterzienser-Abtei Himmerode herrühren sollen. So ist ferner eine erstaunlich nüchterne und formlose Kommunionbank anscheinend anderswoher beschafft worden, deren Sprossen und Stäbe kaum als Treppengeländer heute in einem bürgerlichen Hause geduldet werden dürften. Aus einer aufgehobenen Franziskanerkirche scheint die kleine, unschön in weisser Lackfarbe überstrichene Kanzel herzustammen, die gleich einem Vogelneste und überdies noch allzu hoch an die Südwand des Langschiffes unmotivirt angefügt worden ist. Dieselbe würde in ihren überladenen Schnitzarbeiten in einer Nonnenkirche in den Formen des Baroquestils vielleicht an richtiger Stelle sein
Taf. X. Fig. 11
Heutige baufällige Ostronte der Kapitelswohnungen nebst östlicher Choransicht
Von Geräthschaften und Utensilien, die aus der Bauzeit der Kirche herrühren und mit den Architekturformen derselben in Einklang stellen, sind bei dieser Aufzählung besonders hervorzuheben das grosse Krucifix, heute an unrichtiger Stelle, hoch an der inneren Wandfläche der Nordseite, unmittelbar über den Eingangsthüren befestigt, und das alterthümliche Chorgestühl, das derb in Eichenholz geschnitzt ist. Was zunächst dieses merkwürdige, heute stark mit Oelfarbe überschmierte und verletzte Krucifix betrifft, so muss es der Lokalforschung vorläufig überlassen bleiben, nachzuweisen, ob dasselbe ebenfalls von einer anderen Kirche, etwa von der alten, in der Nähe befindlichen Cisterzienserinnen-Abteikirche St. Thomas, nach Kyllburg übertragen worden ist, oder ob dasselbe sich seit alter Zeit in der Stiftskirche daselbst befunden habe. Das aber dürfte als feststehend anzunehmen sein, dass dieses auffallend grosse Kreuz mit Christusfigur ehemals als sogenanntes Triumphkreuz unter einem hochgespannten Spitzbogen sich befunden habe, der den Eintritt in den Hochchor vermittelte und der deswegen nach dem dort befindlichen Triumphkreuz auch Triumphbogen genannt wurde. Ob ehemals auch in der Marienkirche zu Kyllburg unter dem dortigen hochgespannten Triumphbogen sich Chorschranken (Lettner, lectorium,
In französischen Kirchen führte dieser „ambo“, identisch mit der ikonostasis der griechischen Kirche, die Bezeichnung Jubé, wahrscheinlich deswegen, weil die Lektionen in den kirchlichen Tageszeiten darauf abgelesen wurden, welche jedesmal beginnen mit der Anrufung „iube Domine benedicere“.
auch Apostelgang genannt) befunden haben, lässt sich heute nicht mehr nachweisen, da alle und jede Anhaltspunkte dafür fehlen. Ueber diesen Sperrungsschranken zwischen dem für sich abgeschlossenen Stiftschor und der Volkskirche im Mittel- und den Nebenschiffen befand sich in den alten Stifts- und Kathedralkirchen der Kreuzaltar, sogenannt nach dem grossen Krucifix, das entweder von dem Triumphbogen herniederschwebte oder unmittelbar auf dem gewölbten Lettner, also unmittelbar über dem darunter befindlichen Altar, errichtet war. Die Möglichkeit bleibt also nicht ausgeschlossen, dass das heute an unwürdiger Stelle befindliche Triumphkreuz Kyllburgs ehemals unter dem Triumphbogen am Choranlange schwebend befestigt war und dass auch unter demselben, wie überall, ein Kreuzaltar sich befunden habe. Mit Grund stellt zu hoffen, dass das altehrwürdige Triumphkreuz von Künstlerhand wiederhergestellt und polychromirt bei der demnächstigen Bemalung der Kirche die ihm gebührende Ehrenstelle unter dem hohen Chorbogen wieder einnehmen werde. Fast aus gleicher Zeit, wie das eben besprochene Kyllburger Triumphkreuz, rührt auch das alterthümliche Krucifix in der ehemaligen Stiftskirche zu Carden a. d. Mosel her, das heute, ungeachtet und ungeehrt, den Unbilden der Witterung in einem offenen Flügel des dortigen Kreuzganges ausgesetzt ist. Zur Seite des alten Cardener Triumphkreuzes ersieht man auch noch die selten fehlende Passionsgruppe: Johannes und Maria. Diese beiden Standbilder fehlen heute in Kyllburg, könnten aber bei der beabsichtigten Ausmalung der Kirche entweder plastisch oder in Malerei auf den breiten Seitenflächen zweckmässig ergänzt werden, die sich zu beiden Seiten des Triumphbogens befinden.
Ueber das vorhin erwähnte alte Chorgestühl ist zu bemerken, dass eine, unverbürgte mündliche Ueberlieferung angibt, dieses „stallum“ stamme aus der ehemaligen Cisterzienserinnen-Kirche St. Thomas. Diese Tradition gewinnt aber schon deswegen an Wahrscheinlichkeit, weil es einestheils zu dem Raume nicht passend erscheint, den es heute einnimmt, anderntheils viel zu gross befunden wird für das frühere Stiftskapitel von Kyllburg, dass in seiner Blüthezeit nicht mehr als sechs Kapitulare mit einem Dechanten zählte. Das aus zwei Reihen, auf jeder Seite zu je 7 Sitzen, bestellende Chorgestühl ist aus Eichenholz geschnitzt und heute mit einer dunkelbraunen Oelfarbe überstrichen, die es leider verhindert, dass die schöne Maserung des Holzes zum Vorschein tritt. Die charakteristischen Architekturformen, mit welchen die abschliessenden Wangenstücke dieser „stalla“ in erhabener Arbeit verziert sind, dienen zum Belege, dass dieselben in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts ihre Entstehung fanden, nicht viel später als auch die prachtvoll skulptirten Chorstühle des Kölner Domes von Meisterhand hergestellt worden sind. „Während indessen das berühmte Kölner Vorbild, ein unerreichtes Unicum der rheinischen Holz-Skulptur, den kunstgeübten Meissel eines hervorragenden Bildschnitzers der erzbischöflichen Metropole deutlich zur Schau trägt, verräth die ziemlich derbe Bildhauerarbeit an den originellen Chorstühlen zu Kyllburg die weniger geübte Hand eines schlichten ländlichen Meisters, der dem harten und wenig gefügigen Material wohl im Allgemeinen das uns heute, noch imponirende Gepräge seiner selbstbewussten Zeit zu geben wusste, der es jedoch weniger verstand, den verschiedenen Ornamenten des Chorgestühls jenen leichten, gefälligen Schwung und jenen individuellen, lebensfrischen Ausdruck zu verleihen, welchen man an den fast gleichzeitigen Holzskulpturen der rheinischen Schule bewundert, wie solche unter anderen an den Chorstühlen in St. Gereon zu Köln, in Cornelimünster und an Ueberresten eines prächtigen Chorgestühls im Central-Kunstgewerbe-Museum zu Düsseldorf ersichtlich sind. Auch plastische Ornamentschnitzereien an den vorspringenden Sitztheilen der Klappstühle, den sogenannten „misericordiae“ an welchen besonders am Ausgang des Mittelalters eine oft allzu drastische Satire ihr loses Spiel trieb, kommen an unseren Chorstühlen nicht zur Geltung. Auch fehlen an den Kyllburger „stalla“ die sonst häufig vorkommenden Rückwände mit zierlichen Holzskulpturen, an welchen an Festtagen meist reichgewirkte Stoffbekleidungen befestigt wurden. Zwar behauptet eine mündliche Ueberlieferung, für deren Wahrscheinlichkeit viele Gründe sprechen, dass noch bis vor einigen Jahrzehnten solche ziemlich reich verzierten Rückwände – dorsalia – auch an den in Rede stehenden Chorstühlen sich vorgefunden hätten, die aber aus heute unbekannten Gründen abgebrochen und veräussert worden sein sollen.
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